Sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe mit Hormonwirkung?

 

Sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe mit Hormonwirkung?

 

Von Wilfried Dubbels

 

Seitdem die Prohormone vom legalen Supplementmarkt entfernt wurden, werden in Bodybuilding-Magazinen vermehrt Supplemente mit teils bislang unbekannten Pflanzeninhaltsstoffen beworben. Viele dieser Präparate sind in den meisten Fällen zwar harmlos, aber sie müssten aufgrund ihrer Zweckbestimmung schon allein durch die Aufmachung der Packung und durch die reißerischen Werbeaussagen als Arzneimittel eingestuft werden. Als diese bedürften sie auch einer Zulassung als Arzneimittel, die in der Regel nicht vorliegt. Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit müssten durch unabhängige Studien nachgewiesen werden. Die Bewerbung von Supplementen als Substanzen mit pharmakologischer Wirkung macht falsche Versprechungen und ist in Deutschland nicht erlaubt. Deutsche Hersteller und Vertreiber halten sich in der Regel an die sogenannten Health Claims und auch an die Positivliste für Zutaten, die in Nahrungsergänzungsmitteln genutzt werden dürfen. Es gibt aber keine europaweite oder gar internationale Liste, die alle Inhaltsstoffe eines Supplements regelt. Auf dem internationalen Markt tauchen diese Supplemente unter ständig wechselnden Bezeichnungen und Warenzeichen auf. Die Behörden können gar nicht so schnell nachkommen, wie neue Produkte auf den Markt kommen und wieder verschwinden. Formaljuristisch sind Mittel, die mit arzneilicher Wirkung beworben werden, als dopingrelevant einzustufen. In der Praxis führen diese Mittel bis auf einige Ausnahmen aber nicht zu einem positiven Dopingbefund, sondern erweisen sich als Placebo, es sei denn sie sind wissentlich oder unwissentlich mit Prohormonen versetzt worden, was allerdings auch relativ häufig der Fall ist. Daneben werden vermehrt Ephedrin-Ersatzmittel als harmlose Kräuterextrakte getarnt und im Internet angeboten. Auch hier ist besondere Vorsicht geboten.

Testosteronbooster auf pflanzlicher Basis sollen den körpereigenen Testosteronspiegel auf natürliche Weise anheben können. Je nach Zusammensetzung des Supplements könne das auf verschiedenen Wegen erfolgen, wird behauptet. Über Gonadoreline könne die körpereigene Synthese von Testosteron angeregt werden oder es könne aus gebundenem Testosteron freigesetzt werden. Mit irreführenden Aussagen wie, „Da das körpereigene Testosteron auf natürliche Weise erhöht wird und kein Testosteron von außen zugeführt wird, gibt es keine Nebenwirkungen“, wird der Kunde getäuscht. Selbstverständlich ist das Unsinn. Für die Entstehung von Nebenwirkungen spielt es keine Rolle, ob Testosteron von außen zugeführt oder körpereigen ist. Durch Störung der Homöostase könnte auch dann eine Kaskade von Nebenwirkungen ausgelöst werden, wenn das Testosteron körpereigen ist und auf natürlichem Wege freigesetzt wurde. Ganz abgesehen davon haben die meisten dieser Substanzen keinen Einfluss auf das Hormonprofil eines Menschen. Bestenfalls können sekundäre Planzeninhaltsstoffe aufgrund ihrer antioxidativen Schutzwirkung ein vorzeitiges Absinken des Testosteronspiegels verhindern. Die leistungssteigernden Effekte in den Studien erweisen sich häufig als versuchsdesign- oder placeboinduzierte Fehlinterpretationen.

 

Mit ganzseitigen Anzeigen und reißerischem Text wie:

„Der stärkste Testosteronbooster garantiert als Weltneuheit einen schnellen Aufbau fettfreier Muskelmasse. Nur für Hardcore-Athleten entwickelt, die nach einem schwer zugänglichen Wettbewerbsvorteil suchen.“ Als Hauptinhaltsstoff wird Testofen angegeben. Hinter diesem „Warenzeichen“ verbirgt sich Bockshornkleesamen. Eine andere Firma preist ihr Produkt als „Testo-Booster der neuen Ära“ an. „Extreme Wirksamkeit beim Aufbau purer Muskelmasse in Anlehnung an einer wissenschaftlich erarbeiteten Zusammensetzung. Unser Produkt bringt Ihren Testosteronspiegel auf Werte, die Sie mit keinem anderen frei erhältlichen Mittel erreichen. Bis zu 6x mehr Testosteron!“ Und so weiter und so fort. Hochglanzfotos mit professionellen Bodybuildern unterstreichen die Aussagen. Je protziger die Anzeige, desto weniger steckt dahinter.

 

Die meisten dieser auf dem deutschen Markt befindlichen Booster haben zwar keine Nebenwirkungen oder geringe Nebenwirkungen, sie haben aber auch keine der versprochenen Wirkungen. Das wäre somit noch die harmloseste Variante der im Internet und in Bodybuildingpublikationen angebotenen Supplemente. Viele dieser pflanzlichen Supplemente enthalten aber laut Dr. Geyer von der Sportschule Köln nicht selten auch Prohormone als Verunreinigung. Allein die Tatsache, dass ein Produkt auf dem Markt ist, sagt nichts darüber aus, ob die versprochenen Wirkungen nicht doch aus dem Phantasialand sind. Leider gibt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit zu den Werbeaussagen insbesondere pflanzlicher Inhaltsstoffe wegen Überlastung keine Stellungnahme ab. Folglich wird den ungerechtfertigten Wirkansprüchen pflanzlicher Zubereitungen wohl kaum in absehbarer Zeit Einhalt geboten werden können. Mit anderen Worten: Die Hersteller und Vertreiber können ihre Produkte auf dem internationalen Markt mit überzogenen Wirkansprüchen bewerben, da die Werbeaussagen weder von der europäischen noch der amerikanischen Behörde (FDA) überprüft wurden. Hierbei werden von einigen Firmen bewusst gesetzliche Spielräume genutzt, um mit falschen Versprechungen Hoffnungen zu schüren. Wer dennoch gern einmal ein Supplement aus dieser Gruppe ausprobieren möchte, sollte ein solches Produkt ausschliesslich über einen renommierten deutschen Vertreiber bestellen, der das Supplement sachlich bewirbt. Wunder kann er aber nicht erwarten!  

 

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